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Kein letzter Sieg zum Abschied
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Tränen glitzerten, aber diesmal waren es keine Tränen der Wut, auch keine Freudentränen, sondern Abschiedstränen, die etwas verschämt aus den Augenwinkeln ge­tupft wurden. Die Hymnen waren ver­klungen, die Siegerinnen sortierten noch Blumen, Trikots, Glaspokale, da schmalzte „Time to say goodbye“ aus den Lautsprechern und auf dem Po­dium stand Regina Schleicher, die ihre Karriere beendet.

Die Weltmeisterin von 2005, sie wird fehlen. Und sie fehlte auch ges­tern der Equipe Nürnberger Versiche­rung. „Ich mag den Kurs – wenn ich gute Sprinterinnen dabei habe“, hatte Sportchef Jochen Dornbusch vor dem Weltcup-Finale in Nürnberg gesagt. Dieses Jahr mochte er ihn ergo nicht. Die Schnellkraft der Niederländerin Suzanne de Goede war rätselhaft ver­pufft, Schleicher konnte nach einem schweren Sturz im vergangenen Jahr die Bremse im Kopf nicht mehr lösen. Beide haben im neuen Team keinen Platz, die Marktheidenfelderin hört auf, de Goede muss weichen für An­gela Brodtka. Die hat, so Dornbuschs Eindruck, schnellere Beine.

Die Hatz über die 130 Kilometer selbst lief so vorhersehbar wie der Sonntagsgottesdienst in der Kirche. „Es war schade für das Rennen“, sag­te Charlotte Becker hinterher fast ent­schuldigend, dabei sorgte die blonde Equipe-Fahrerin für die wenigen Stör­momente, die einen kurz aufhorchen ließen. Nach fünf, sechs Runden im gemächlichen Stadtrundfahrt-Tempo schien sogar das Feld kurz bereit, die Monotonie zu durchbrechen. Es wur­de unruhiger, doch die Teams mit den besten Sprinterinnen wachten eifer­süchtig wie eine Katze, die mit der Maus spielt, dass ihnen keine Gruppe entwischte.

„Schwer war’s“, meinte Becker, die mit ihren Teamkolleginnen Trixi Wor­rack, Eva Lutz, Amber Neben, Marlen Jöhrend und de Goede fleißig, aber auch etwas unökonomisch ackerte, „letztlich können wir nicht alles al­lein machen, eigentlich hatten wir ein bisschen gehofft, dass auch andere Teams aktiver sind“. Doch die ande­ren Teams schienen sich zu sagen: Nürnberg ist ein Sprinterkurs – bloß nicht das Gegenteil beweisen.

So formierten sich in der letzten Runde die einzelnen Züge, hier fand sich Cervélo, dort das Team Colum­bia, Becker forcierte für de Goede, und irgendwie mogelte sich noch die Australierin Rochelle Gilmore da­zwischen. So rauschten sie aufs Ziel zu, und Cervélo-Fahrerin Kirsten Wild schien mit am meisten über­rascht, dass weder Gilmore noch Ina­Yoko Teutenberg die Niederländerin einzuholen vermochten. „Das ist mein erster Weltcup-Sieg“, sagte die 26-jäh­rige Siegerin (3:13:06 Stunden) fröh­lich, und jede einzelne Sommer­sprosse in ihrem runden Gesicht schien mitzulachen.

Gleich zweimal erklang die nieder­ländische Nationalhymne, denn Mari­anne Vos (6.) verteidigte ihre knappe Führung im Gesamtweltcup vor der Schwedin Emma Johansson (13.). Bereits vor zwei Jahren war sie in Nürnberg ins blau-weiße UCI-Trikot geschlüpft, der Sieg damals, sagt Vos, war ihr viel wert, weil sie ihn erst im letzten Rennen erkämpfte, „aber die­ses Jahr musste ich das Trikot verteidi­gen, das war auch nicht leicht.“ Vor zwei Jahren hatte Vos vom DSB-Bank-Team Nicole Cooke den Gesamtsieg entrissen, die Britin räch­te sich, indem sie auf der Straße Olym­piasiegerin und Weltmeisterin wurde. In Nürnberg fehlte sie, trotzdem war sie irgendwie präsent, denn es verdich­ten sich die Anzeichen, dass die Wali­serin im kommenden Jahr für das Nürnberger Team startet, das kein Abschiedsgeschenk für den scheiden­den Sponsor bereithielt. De Goedes fünfter Platz — nun ja, „nicht richtig schlecht“ nannte ihn eine Equipe-Fah­rerin. Mit anderen Worten: viel zu wenig für das drittbeste Frauen-Team der Welt.

Eine, die weiß, wie man das Rennen in Nürnberg trotz des Drucks ge­winnt, prangte am Sonntag riesen­groß auf den überdimensionalen Pla­katen — und stand fast ein bisschen versteckt im Zielbereich. Vor zwei Jah­ren lauschte Regina Schleicher blu­mengeschmückt auf dem Podium der deutschen Hymne, gestern lieferten sich in ihrem Herzen Wehmut und Er­leichterung einen ungleichen Schluss­Sprint: „Ich bin froh, mich so entschie­den zu haben“, sagte die letzte Equipe­Siegerin von Nürnberg. Die Tränen kamen erst später.

Ulrike Assmann / Nürnberger Nachrichten
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