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| Die jungen Rad-Wilden nutzten ihre Chance
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Die 19. Auflage des Nürnberger Altstadtrennens ist – in Ermangelung großer Namen – vom Veranstalter ja zu einer Art Mustermesse für den Radsport-Nachwuchs im Profibereich erklärt worden. Wenn das die wirkliche Absicht war, die hinter einem Feld mit vielen Namen, aber wenig bekannten Fahrern stand, dann ist die durch das gestrige Ergebnis bestens umgesetzt worden.
Denn die jungen Wilden, wie sie der Sprecher immer wieder nannte, nutzten bei der 19. Auflage des Franken-Klassikers ebenso konsequent wie eindrucksvoll die gebotene Chance. Das gilt auch für den Sieger. Obwohl der Italiener Francesco Gavazzi schon 25 Jahre alt ist, konnte er in drei Profijahren noch keinen Sieg holen. Seit gestern ist das anders.
Der zierliche Radsportler aus dem großen Lampre-Team kann in der Rubrik „Vittorie“ (Siege) auf seiner Homepage nun endlich einen dicken Eintrag machen. „Das ist sehr schön, ich habe lange genug darauf warten müssen“, sagte Gavazzi, nachdem vor dem Opernhaus bei der Siegerehrung die italienische Nationalhymne verklungen war.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der kleine Italiener dann auch die vermutlich schwierigste Prüfung des Tages bestanden. Minutenlang musste er auf dem Podest einen Fünf-Liter-Humpen mit Weizenbier eines Sponsors einhändig vor die Kameras der Fotografen halten. Das schien bedeutend schwerer zu sein, als in der 19. und letzten Runde des Rennens oben am Burgberg mit einem explosiven Antritt seine sieben Begleiter abzuschütteln. Scheinbar mühelos fuhr er auf den verbleibenden drei Kilometern bis ins Ziel noch 29 (!) Sekunden Vorsprung heraus. Da zeigte sich dann doch die ganze Klasse, die selbst in einem bislang erfolglosen Radprofi eines Pro Tour-Teams steckt.
Jene zwei Fahrer, die Gavazzi auf dem Siegerpodest flankierten, hatten auch so ihre Probleme mit dem überdimensionalen Bierglas; aber sie waren so glücklich, überhaupt da oben zu stehen, dass sie das Monstrum vermutlich noch weitere drei Minuten in die Höhe gehalten hätten. Felix Rinker und Nils Plötner tragen beide das Trikot des bayerischen Heizomat-Mapei- Teams, und sie tun das beide erst seit diesem Jahr. Von den Mannschaften Rothaus (Rinker) und Thüringer Energie (Plötner) sind sie nach Bayern gewechselt, weil sie sich in der Truppe des ehemaligen Nürnbergers Markus Schleicher größere Chancen für ihre sportliche Entwicklung erhofft haben. „Das war die beste Entscheidung, die ich machen konnte. Ich blühe in dem Team richtig auf“, schwelgte der 20-jährige Plötner. Sein ein Jahr älterer Kollege fühlt sich bei den „Heizomats“, wie sie genannt werden, ebenfalls „superwohl“ und mochte gar nicht glauben, was da soeben auf der Ziellinie passiert war, denn immerhin ließen Rinker und Plötner fünf Mitausreißer im Sprint hinter sich.
Als sich gestern nach 75 von 120 Kilometern jene Achter- Combo gebildet hatte, die das Rennen dann dominierte, da spürten die beiden „Heizomats“ schnell, wie einmalig die Chance war, sich vor großem Publikum in Szene zu setzen. Auch Björn Thurau, der Sohn des berühmten Didi Thurau, ackerte wie wild in der Spitzengruppe, die sich nach und nach fast zwei Minuten von ihren Verfolgern absetzen konnte. Eine Etage weiter hinten hatte Danilo Hondo zeitweise versucht, eine Jagd zu organisieren, aber die zwei Mitstreiter, die er sich ausgesucht hatte, zeigten wenig Interesse, einen Sprinter seines Kalibers nach vorne zu eskortieren. Das Hauptfeld mit dem Team Milram, neben Lampre die zweite Mannschaft der Top-Kategorie im Feld der 20 Teams, stellte bei leichtem Nieselregen frühzeitig die Aktivitäten ein und rollte locker aus.
So bleibt festzuhalten, dass man auch mit großen Stars in Nürnberg schon deutlich weniger interessante Radrennen erlebt hat. Allerdings keines vor so wenig Zuschauern. Beim Veranstalter sprach man zwar davon, das Niveau des Vorjahres gehalten zu haben, und da will man 100 000 gezählt haben. Etwa die Hälfte, das dürfte für die gestrige Veranstaltung eher hinkommen – was aber für ein Radrennen in Deutschland immer noch üppig ist. Aufmerksame Beobachter waren gestern Hans-Peter Schmidt und Ulrich Maly. Der eine muss als Aufsichtsratschef der Nürnberger Versicherung demnächst entscheiden, ob sein Unternehmen weiterhin Sponsor des Rennens bleibt; der andere möchte als Oberbürgermeister der Stadt „nicht eine Veranstaltung mit viel Charme“ verlieren.
Maly erklärte gegenüber unserer Redaktion, „alles zu tun, um das Rennen zu erhalten“. Nachdem man eine Bilanz der gestrigen Veranstaltung gezogen habe, will man mit den Sponsoren reden. Das Verhältnis der Versicherungsgruppe zur Stadt scheint nach einem Streit um die Nürnberger Oper nicht ungetrübt. Udo Sprenger, der Vize im Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, sieht dagegen positive Signale der „Nürnberger“, auch künftig das Rennen zu unterstützen. Die Jungen Wilden würden sich auf jeden Fall freuen.
Thomas Scharrer / Nürnberger Nachrichten
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